Mystisches Waldviertel: Das Rätsel der Steinpyramide bei Ober-Neustift
- Sabine Maier
- 4. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Es gibt Plätze im Waldviertel, die sich erst auf den zweiten Blick offenbaren. Einer dieser besonderen Kraftorte liegt verborgen im dichten Grün bei Ober-Neustift. Wer sich dorthin begibt, verlässt die bekannte Welt und taucht ein in eine Umgebung, die mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt – immerhin steht man hier vor einer echten Sensation: der einzigen Steinpyramide in ganz Mitteleuropa.

Steinpyramide bei Ober-Neustift, Foto: Sabine Maier
Anreise nach Ober-Neustift: Zwischen Spielzeugdörfern und Waldautobahnen
Schon die Fahrt nach Ober-Neustift gleicht einem Blick in eine andere Zeit. Der Ort ist ein klassischer Streuort, dessen Häuser so in die sanften Hügel gewürfelt wurden, als hätten göttliche Kinder ihre Spielzeughäuschen mit einer großzügigen Geste in die Landschaft geworfen. Mal hier eines, mal dort eines – ein charmantes, friedliches Durcheinander, das den Besucher auf das Kommende einstimmt.
Der Weg zur Pyramide beginnt an einem Parkplatz und führt etwa zwanzig Minuten lang durch den Forst. Man wandert dabei über eine schnurgerade „Waldautobahn“, einen breiten Sand-Schotter-Weg, der sich fast unnatürlich geradlinig durch den Wald zieht. Wer die ungestörte Mystik dieses Ortes sucht, sollte seinen Besuch idealerweise unter der Woche planen, wenn eine tiefe, fast greifbare Stille zwischen den Bäumen liegt. Am Wochenende wandelt sich das Bild, wenn die breite Waldautobahn zur Piste für E-Bike-Fahrer und Familien wird, die den Weg für Fahrradausflüge mit ihren Kindern nutzen.
Weg zur Steinpyramide bei Ober-Neustift, Fotos: Sabine Maier
Ein Bauwerk mit zwei Gesichtern: Granit und Vergänglichkeit
Wenn man dann vor ihr steht, beeindruckt die Pyramide sofort durch ihre Eigenwilligkeit. Sie ist etwa sieben Meter hoch und besteht aus vier Stufen. Aus Waldviertler Granit geschichtet, zeigt sie zwei völlig unterschiedliche Gesichter. Während eine Seite noch wunderbar erhalten ist und die präzise Baukunst vergangener Tage zeigt, ist die andere bereits eingestürzt – eine stumme Erinnerung an die unaufhaltsame Kraft der Vergänglichkeit.
Da die Pyramide in der Vergangenheit oft als Klettergerüst für allzu abenteuerlustige Besucher herhalten musste, schützt sie heute ein grauslich scharfer Holzzaun. Er bildet einen stacheligen Kontrast zu den sanften Moosen der Umgebung und hält die Menschen auf Distanz.
Steinpyramide bei Ober-Neustift, Fotos: Sabine Maier
Doch für manche gilt diese Barriere nicht: Die Schmetterlinge nutzen die Steinquader als exklusiven Landeplatz und flattern unaufhörlich über die spitzen Pfähle. Man könnte fast meinen, die Zitronenfalter und Tagpfauenaugen hätten hier das alleinige Recht auf Erleuchtung gepachtet – oder sie sind schlicht die Einzigen, die das „Betreten verboten“-Signal ignorieren können, ohne sich die Hosen am Zaun aufzureißen.
Keltengrab oder Freimaurer-Bau? Die zwei Legenden
Die Herkunft dieses Bauwerks bleibt ein zweigeteiltes Rätsel, das die Fantasie beflügelt und Historiker und Esoteriker gleichermaßen beschäftigt. Einerseits gibt es die Theorie, dass es sich um eine uralte keltische Grabstätte oder einen Kultplatz handelt, der schon vor Jahrtausenden als Kraftort wahrgenommen wurde. Andererseits führt eine starke Spur zum nahegelegenen Schloss Rosenau. Als Zentrum der Freimaurerei im 18. Jahrhundert liegt die Vermutung nahe, dass die Pyramide als symbolisches Bauwerk dieses Bundes errichtet wurde, da sie in deren Lehre für Ordnung und geistigen Aufstieg steht.
Beides gleichzeitig zu denken, ist im Waldviertel übrigens keine schlechte Strategie.
Die offiziellen Tafeln sprechen von geomantischen Linien, von Wasseradern, von einem „Kraftplatz“. Man kann das ernst nehmen oder ignorieren. Denn ob keltisches Heiligtum oder freimaurerisches Denkmal – wenn das Licht schräg durch die Bäume fällt und die Schmetterlinge auf dem Granit tanzen, spielt die historische Korrektheit eh keine Rolle mehr. Die Steinpyramide bei Ober-Neustift bleibt eines der faszinierendsten Rätsel im mystischen Waldviertel.
Steinpyramide bei Ober-Neustift, Fotos: Sabine Maier
Text: Sabine Maier
Die Ottilie ist ein Seminarzentrum und eine Ferienwohnung in Ottenschlag im Waldviertel – untergebracht in einem 500 Jahre alten Haus, gegründet von Journalistin und Buchautorin Sabine Maier. Zentrum: www.die-ottilie.at, Ferienwohnung: www.willkommen-ottilie.a























Kommentare