Ein Stück Waldviertel, das unseren Namen trägt: Die Ottilie und ihre Patenschaft
- Sabine Maier
- 4. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Was hat das Waldviertel mit der Toskana gemeinsam? Beide Landschaften sehen aus wie wunderbare Natur. Und sind doch über Jahrhunderte künstlich von Menschen angelegt worden. Das Waldviertel ist keine „wild gewachsene“ Landschaft im romantischen Sinn. Es ist ein Meisterwerk der Landschaftsgestaltung.

Ottilie-Patenschaft für den Kobel bei Kottes, Foto: Ingrid Kleber
Das künstliche Streifenland: Ein Erbe aus dem Mittelalter
Seit dem Mittelalter wurde die wellige Hochebene des Waldviertels in Streifen zerlegt. Da die Bauern ebene Flächen für den Ackerbau benötigten, schufen sie Terrassen – lange, schmale Felder, die leicht versetzt nebeneinander liegen. Diese historische Flurform erinnert fast an japanische Reisterrassen und ist in Mitteleuropa einzigartig.
Seit dem 11. Jahrhundert wurde diese kunstvolle Form der Landschaftsgestaltung gepflegt – und damit die ebenen Flächen halten, wurden Steine (die im Waldviertel wahrlich im Überfluss vorhanden sind) an die Ränder gelegt oder kleine Sträucher gepflanzt. Im Lauf der Jahrhunderte sind aus diesen Begrenzungen der Streifenfluren und den dazwischen aufragenden Kobeln Schatzinseln geworden: Ihr Artenreichtum ist phänomenal. Hier blüht, kriecht, nistet und wächst, was auf den großen Feldern keinen Platz mehr findet.
Das Projekt „Patenschaft Vielfalt“
So wertvoll diese Landschaftselemente sind, so schwierig sind sie für die moderne Landwirtschaft. Ein Hochrain lässt sich nicht mit großen Maschinen bearbeiten. Ein Kobel steht oft im Weg. Das Projekt „Eine Welt, die deinen Namen trägt“ setzt genau hier an: Es schafft eine Möglichkeit, diese Hotspots der Artenvielfalt über eine Patenschaft zu erhalten – und gleichzeitig jene zu unterstützen, die mit ihnen arbeiten.
Unsere Patenschaft: Ein Kobel für die „Ottilie“
Für die Ottilie haben wir eine solche Patenschaft übernommen. Ein Kobel im Norden von Kottes – auf den ersten Blick unscheinbar, auf den zweiten überraschend reich. Dort steht eine alte, windgebeutelte Kiefer. Daneben blühen Anfang Mai Kirschbäume, Himmelschlüsserl, Walderdbeeren, Regenblümchen und ein weißer Strauch, den ich nicht kenne. Dazwischen stehen Birken, Ebereschen, Haselnuss, wilde Rosen und jede Menge Strauchzeug, das gerade erst austreibt.
Die Aussicht reicht weiter, als man es diesem kleinen Stück Land zutrauen würde: vom Schneeberg bis zum Jauerling. Davor steht ein Bankerl zum Rasten und Schauen. Natürlich gehört uns der Kobel nicht. Und genau darum geht es.
Fotos: Sabine Maier
Ein leiser Ort der Verbindung

Man kann dort nichts „machen“. Es gibt kein Programm, keine Infrastruktur, keinen Anlass. Man sitzt einfach da. Und merkt vielleicht, dass solche Orte genau deshalb wichtig sind. Weil sie nichts von einem wollen. Irgendwo zwischen Kottes und den Feldern steht jetzt ein kleines Schild mit dem Namen „Ottilie“. Es ist kein großes Zeichen, man könnte es leicht übersehen. Aber für uns markiert es eine tiefe Verbindung: zwischen einem Haus mit Geschichte und einer Landschaft, die schon viel länger da ist.
Und wenn man selbst so einen Ort übernehmen möchte
Wer einmal darauf achtet, sieht sie überall im Waldviertel: diese kleinen Inseln zwischen den Feldern. Über das Projekt „Eine Welt, die deinen Namen trägt“ kann man für genau solche Orte eine Patenschaft übernehmen – und damit dazu beitragen, dass sie erhalten bleiben. Und vielleicht ist das der eigentliche Gedanke: Dass man nicht alles besitzen muss, um sich verantwortlich zu fühlen. Und dass ein kleines Stück Land manchmal mehr erzählt als jede große Geste.

Bichel, Kobel, Feldrain – was ist das?
Ein Bichel ist eine Gehölzgruppe am Feld, die fast schon als kleine Waldfläche bezeichnet werden kann. Ein Kobel besteht aus Granitgruppen oder Steinen, die meist aus dem Feld ausgegraben wurden. Um diese Steingruppen siedeln sich in der Regel Sträucher und Halbbäume an. Feldraine sind ganz schmale Landschaftsstreifen zwischen Wiesen und Feldern, auf die über Jahrhunderte Klaubsteine ausgetragen wurden.
Bichel, Kobel und Feldraine sind schützenswerte Landschaftselemente, da sie Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind und spürbare Klimaveränderungen wie zunehmende Trockenheit, aber auch Starkregenereignisse abfedern.
Text: Sabine Maier
Die Ottilie ist ein Seminarzentrum und eine Ferienwohnung in Ottenschlag im Waldviertel – untergebracht in einem 500 Jahre alten Haus, gegründet von Journalistin und Buchautorin Sabine Maier. Zentrum: www.die-ottilie.at, Ferienwohnung: www.willkommen-ottilie.a















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