Lost Place im Waldviertel: Das vergessene Schwimmbad von Els
Aktualisiert: 19. Aug.
Wer am Kremstalweg bei Els wandert, sucht Ruhe oder Schwammerl. Bis er im tiefsten Dickicht auf die Reste eines riesigen Swimmingpools stößt. Und auf ein Rätsel: Was hat die feine Wiener Gesellschaft der 1930er Jahre mit diesem einsamen Wald zu tun?

Foto: Sabine Maier
Ein Schwimmbad, das der Wald verschluckt hat
Es begann alles mit einem Gerücht. Irgendjemand erzählte mal beiläufig von einem alten Swimmingpool, der irgendwo tief im Wald verborgen sein sollte. Seit diesem Tag hörte ich mich ständig um und suchte nach Hinweisen. Niemand wusste etwas, einige schauten, als hätte ich nach einem versunkenen Hotel mit Palmen gefragt. Schließlich konnte ein Bürgermeister weiterhelfen. Am Ortsende von Els, Richtung Purkersdorf, rechts in einen Forstweg rein, sagte er sinngemäß. Das klingt nach einer klaren Wegbeschreibung. Ist es im Waldviertel aber nicht immer.
Auf Spurensuche nach dem verlassenen Swimmingpool bei Els
Wegweiser Richtung Els Weg zum Edhofer Bad
Foto: Sabine Maier
Gefunden hätte ich das alte Bad nämlich trotzdem nicht, wenn ich nicht durch Zufall einen unglaublich netten Forstarbeiter getroffen hätte, der gerade mit einem Kollegen im Wald arbeitete. Ohne ihn wäre ich vermutlich eine halbe Stunde später wieder in Els gestanden, mit zerkratzten Beinen und der Überzeugung, dass manche Geschichten als Gerücht ein wesentlich leichteres Leben haben.
Da der Waldweg von Traktoren blockiert war, schickte er mich ins Gestrüpp – „bis du zum Bach kommst“. Und tatsächlich, plötzlich waren da Mauern. Zwischen Moos, Laub und Brennnesseln liegt ein riesiges Betonbecken, völlig einsam zwischen den Bäumen. Die Form ist noch da. Die Stufen sind noch da. Sogar die Größe ist noch gut zu erkennen, obwohl der Wald längst damit begonnen hat, sich alles zurückzuholen. Die Ausmaße sind für ein privates Bad aus vergangener Zeit wirklich massiv. Mit dem iPhone nachgemessen beträgt die Breite etwa 12 Meter und die Länge rund 22 Meter. Das Becken liegt parallel zu einem Bach, der nur wenige Schritte daneben fließt. Aus diesem Bach dürfte früher auch das Wasser gekommen sein.
Beton und Bäume: Der Lost Place heute
Wie tief das Becken ursprünglich war, lässt sich heute schwer sagen. Zu viel Laub, Erde und Totholz liegt darin. Bei den alten Betonstufen, die ins Becken hinabführen, beträgt die Höhe schätzungsweise 1,10 Meter, während es am anderen Ende wohl gut über zwei Meter tief hinunterging.
Besonders kurios ist der Bewuchs im Inneren des Pools. Dort wachsen heute ausschließlich Laubbäume, obwohl rundherum ein reiner Nadelwald steht. Einige dieser Bäume im Becken sind sichtlich alt, zwei von ihnen haben gewiss schon über 60 Jahre auf dem Buckel. Das deckt sich auch mit den Worten des Forstarbeiters, der trocken meinte: „Ich bin fast 60 Jahre alt und kenne da kein funktionierendes Schwimmbad. Das muss lange vor meiner Zeit gewesen sein.“ Aber was für ein Bad war das nun?
Das Edhofer Bad: Als die Wiener Sommerfrische ins Waldviertel kam
Die Spur führt zum Gasthaus Edhofer in Els. Den Edhofers gehörte einmal der ganze Grund hier unten. Die historische Auflösung des Rätsels fand ich später bei einer Recherche in der „Topothek Albrechtsberg“. Dort existiert eine wunderbare Fotografie aus der Zeit um 1930, die das Becken in einem völlig anderen Licht zeigt. Vor knapp einhundert Jahren fing der Wald erst viel weiter hinten am Hügel an. Das Schwimmbad, das heute im finsteren Forst versteckt liegt, lag damals noch völlig frei auf einer großen, sonnigen Wiese. Im Vordergrund weideten Ziegen am Hang, während im Hintergrund die Badegäste im Wasser planschten. Am Rand des Beckens lassen sich hölzerne Umkleidekabinen erkennen und etwas, das wie ein WC aussieht.
Das dazugehörige Gasthaus Edhofer war damals das erste Haus am Platz in Els. Im Jahr 1926 setzte man ein zweites Stockwerk auf das Gebäude auf, um dort moderne Fremdenzimmer einzurichten. In den Jahren darauf tauchten Postkarten auf, die die „Sommerfrische Els“ im Waldviertel bewarben.
Badekappen und Sommerlachen mitten im heutigen Forst
Sommerfrische klingt heute nach Leinenkleidern, Spazierstöcken und Menschen, die „reizend“ sagen, wenn sie eigentlich „praktisch“ meinen. Dahinter steckte aber ein sehr konkretes Versprechen: raus aus der Stadt, hinein in kühlere Luft, zu Wiesen, Wäldern und einem Gasthaus, in dem man nicht nur übernachtete, sondern den Sommer verbrachte. Natürlich war das Waldviertel in den 1920er und 30er Jahren nicht so nobel wie der Semmering, an dem sich der Wiener Adel und die Künstler im Sommer tummelten. Aber dennoch musste man sich einen längeren Aufenthalt fern der heißen Stadt erst einmal leisten können. So sprach die Sommerfrische Els hauptsächlich das Wiener Bürgertum an. Gäste konnten dann vom Gasthaus Edhofer hinunterspazieren und im riesigen Becken schwimmen. Die Idee dahinter ist klar: Els wollte ein Ort sein, an dem man den Sommer nicht nur aushielt, sondern genoss.
Heute wirkt das fast unwirklich. Gerade weil man nun mitten im Wald steht und sich kaum vorstellen kann, dass hier einmal Badekappen, Handtücher und Sommerlachen den Ton angaben.
Sommerfrische Els Sommerfrische Els Sommerfrische Els
Fotos: Archiv Topothek Albrechtsberg (Franz Weidenauer, Silvia Falta)
Wandern am Kremstalweg: So findest du den verlassenen Pool

Wer den alten Swimmingpool suchen möchte, startet in Els am Ortsrand Richtung Purkersdorf und geht rechts auf dem gelb beschilderten Kremstalweg leicht bergab. Der Weg führt in einer weiten Linkskurve Richtung Wald. Dort marschiert man noch ein kleines Stück weiter, bis zuerst ein Wegweiser für den Kremstalweg auftaucht und kurz danach links vom Wanderweg ein kleines Gebäude steht, das ein bisschen wie ein Brunnenhaus wirkt.
An genau dieser Stelle dreht man sich nach rechts. Nur wenige Meter weiter liegt das Becken im Wald.
Freibad Els: Erfrischung nach dem Lost-Place-Ausflug
Wer nach der Suche und dem „Waldbaden“ Lust auf echtes Wasser bekommt, muss nicht weit gehen. In Els gibt es ein nettes kleines Freibad mitten im Ort. Eigentlich ist es der Löschteich der Feuerwehr, in den Sommermonaten wird daraus aber ein offizielles Bad.
Das alte Edhofer Bad bleibt unterdessen im Wald zurück. Ein Rest der Sommerfrische aus längst vergangener Zeit. Ein Swimmingpool ohne Wasser, ein schwer zu findender Lost Place, den man erst erkennt, wenn man weiß, wonach man sucht. Im Waldviertel verschwinden die Dinge selten mit großem Lärm. Sie stehen einfach weiter da, bis jemand wieder fragt.
PS.: Historische Fotos findet man online in den Niederösterreichischen Topotheken, die es für viele Gemeinden gibt. In der Topothek Albrechtsberg sucht man am Besten nach: Els, Edhofer, Edhofer Bad.
alte Mauern Edhofer Bad alte Mauern Edhofer Bad alte Mauern Edhofer Bad alte Mauern Edhofer Bad alte Mauern Edhofer Bad
Foto: Sabine Maier
Text: Sabine Maier
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