Hexe, Adler & ein Mann im Gebüsch: das Greifvogel-Zentrum Waldreichs
Aktualisiert: 19. Aug.
Majestätische Adler über dem Stausee, ein romantisches Renaissanceschloss und Vögel, die ihren ganz eigenen Kopf haben: Das Greifvogelzentrum Waldreichs bietet Naturerlebnisse ohne Drehbuch. Wer hierherkommt, erlebt Falknerei hautnah – und manchmal auch herrlich eigensinnige Protagonisten.

Foto: Schloss Waldreichs, ©Waldviertel Tourismus - Matthias Streibel
Unberechenbare Stars: Flugschau im Greifvogelzentrum Waldreichs
Der Mann mit dem Mikrofon steht hinter einem Strauch. Nicht, weil das zur Flugshow gehört, sondern weil Hexe ihn nicht leiden kann. Hexe ist eine Mönchsgeier-Dame von beträchtlicher Größe und offenbar ebenso beträchtlichem Charakter. Warum sie ausgerechnet gegen den Moderator eine Abneigung entwickelt hat, weiß niemand so genau. Fest steht: Sobald Hexe auftritt, verschwindet er vorsichtshalber aus ihrem Blickfeld. Spätestens da ist klar: Die Vögel im Greifvogelzentrum von Schloss Waldreichs halten sich nicht unbedingt an das vorgesehene Programm. Und genau das macht die Flugshow so gut.
Schloss Waldreichs: Von der Wehrburg zum Renaissanceschloss
Schon die Kulisse ist hinreißend. Schloss Waldreichs liegt hinter einem Teich, umgeben von alten Bäumen, mit runden Türmen und spitzen Dächern. Mehr Waldviertel-Romantik geht eigentlich kaum. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Waldreichs 1258. Die damalige Burg gehörte zu einem Ring von Wehrburgen, der die österreichische Mark schützen sollte. Nach der Renaissance-Zeit verfiel die Anlage, bis 1983 das fast verlorene Schloss wiederhergestellt wurde. Heute befinden sich hier die Verwaltung von Gut Ottenstein und das Niederösterreichische Falknerei- und Greifvogelzentrum.

Foto: Sabine Maier
Rund 50 Greifvögel und Eulen in Waldreichs
Im Greifvogelzentrum leben rund 50 Tiere: Riesenseeadler, Falken, Stein- und Kaiseradler, Mönchsgeier, Milane, Bussarde, Schnee-Eulen und sibirische Uhus. Ein Rundweg führt an den Volieren vorbei. Sie wurden nach den neuen Vorgaben des österreichischen Tierschutzgesetzes angelegt und sollen vor allem den Bedürfnissen der Vögel entsprechen – nicht dem Wunsch des Publikums nach lückenloser Sicht. Deshalb sind manche Gitter teilweise verhängt. Der Vogel kann sich zurückziehen, und der Besucher sieht dann eben nichts. Das ist zunächst ungewohnt, aber eigentlich ein gutes Zeichen.
Die Eulen sind in einem eigenen Bereich im Wald untergebracht. Zwischen den Bäumen liegen ihre großen Gehege, angenehm schattig und weit genug von der Flugwiese entfernt, um deutlich ruhiger zu sein.
Falknerei in Waldreichs: Mitmachen ist freiwillig

Entscheidend für die Falknerei und das Arbeiten mit Greifvögeln ist das Vertrauen zwischen Mensch und Tier. Die Vögel werden nie zu einem bestimmten Verhalten gezwungen: Das Training beruht ausschließlich auf Belohnung, und die Teilnahme an der Flugshow ist freiwillig.
Das klingt zunächst wie eine nette Formulierung für Besucher. Doch wenn sich die Adler nach dem Abflug Richtung Dobra-Stausee davonmachen, begreift man sehr schnell, dass es genauso gemeint ist.
Foto: Sabine Maier
Die Adler über dem Dobra-Stausee
Die Adler suchen über dem nahegelegenen Stausee nach guter Thermik. Dort schrauben sie sich immer weiter nach oben, bis sie – wenn überhaupt – nur noch als winzige Punkte am Himmel zu erkennen sind. Minutenlang sind sie weg.
Und wenn ein Adler keine Lust hat zurückzukommen? Dann bleibt er eben für den Rest des Nachmittags draußen. Bei meinem Besuch waren sämtliche Adler allerdings nach einigen Minuten wieder da. Zuerst konnte man sie hoch über dem See kreisen sehen. Dann legten sie die Flügel an und rasten im Sturzflug zurück zur Schlosswiese. Ein spektakulärer Anblick – gerade weil nicht sicher ist, wann und ob er überhaupt stattfinden wird.

Foto: Riesenseeadler, © Greifvogelzentrum
Mitten auf der Wiese steht auch ein kleines Wasserbecken. Wenn die Adler dort ihren Kopf untertauchen, lässt sich wunderbar beobachten, wie das Wasser von ihren Federn einfach abperlt. So ein stolzer Raubvogel bei der Kopfwäsche – das hat etwas Komisches und zugleich Majestätisches. Und wie nah sich Mensch und Tier hier sind, zeigte sich direkt danach: Beim Verlassen der Wiese kuschelte sich der mächtige Riesenseeadler ganz eng an seinen Falkner.
Auch die Milane und Falken waren großartig. Sie flogen so knapp über das Publikum hinweg, dass rundum die Köpfe eingezogen wurden. Wahrscheinlich wäre das nicht nötig gewesen. Aber bei einem herannahenden Greifvogel verlässt man sich lieber nicht auf Wahrscheinlichkeiten.
Hexe, die Diva der Flugshow
Der heimliche Star blieb trotzdem Hexe. Eine 30-jährige Mönchsgeier-Dame mit ausgeprägten Vorlieben und Abneigungen ist einfach interessanter als jedes perfekt einstudierte Programm. Während der Moderator hinter seinem Strauch verschwand, behielt Hexe die Lage im Auge.
Ob ihr Problem mit dem Mann berechtigt ist, ließ sich nicht klären. Aber man verstand sofort, warum sie Hexe getauft wurde.

Foto: Mönchsgeier, © Greifvogelzentrum - M. Kruschik
Adresse: Schloss Waldreichs 1, 3594 Franzen (nahe den Stauseen Ottenstein und Dobra)
Saison: Anfang April bis Ende Oktober (Di bis So sowie an Feiertagen geöffnet) Flugshow: derzeit täglich (außer Mo) um 15:00 Uhr, wenn 10 Besucher anwesend sind.

Flugschau im Greifvogelzentrum Schloss Waldreichs 
Schloss Waldreichs 
Flugschau im Greifvogelzentrum Schloss Waldreichs
Foto: Sabine Maier
Text: Sabine Maier
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Witziger Vogel!