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Woher weiß ich, ob meine Idee ein Buch trägt?

19. Aug.
4 Min. Lesezeit

Diese Frage höre ich öfter als jede andere. Nicht „Wie schreibe ich einen guten Satz?“ oder „Brauche ich einen fertigen Plot?“ - sondern: „Reicht das für 250 Seiten, oder ist das nur eine gute Idee für einen Abend am Küchentisch?“ Ich verstehe die Angst gut. Ich habe sie auch bei einigen meiner 25 Bücher gehabt, mehr oder weniger.


Manchmal ist eine Idee sofort da. Eine Figur, ein Ort, eine Situation – und plötzlich denkt man: Daraus könnte ein Buch werden. Das Problem ist nur: Eine gute Buchidee ist noch lange kein Buch. Als Verlegerin lese ich immer wieder Exposés und Manuskripte, bei denen ich nach wenigen Seiten merke, dass hinter der Ausgangsidee sehr viel steckt. Figuren geraten in Bewegung, Konflikte tun sich auf, Nebenwege entstehen, Fragen, Entscheidungen. Und dann gibt es Texte, die mit einer großartigen Idee beginnen – nur dass nach 20 oder 30 Seiten eigentlich schon alles gesagt ist.


Ob aus einer Idee tatsächlich ein Buch werden kann, lässt sich am Anfang nicht mit Sicherheit sagen. Aber es gibt ein paar Dinge, auf die man achten kann.


Sabine Maier

Sabine Maier


Woran erkenne ich eine gute Buchidee?


Eine Idee ist noch kein Buch – aber eine Frage ist eines. Nehmen wir eine Frau, die nach zwanzig Jahren in ihr Heimatdorf zurückkehrt. Das klingt zunächst nach einer Geschichte. Tatsächlich ist es aber erst einmal nur eine Situation. Interessant wird es bei den Fragen dahinter: Warum kommt sie zurück? Was will sie dort? Wem möchte sie auf keinen Fall begegnen? Was hat sich verändert, seit sie weggegangen ist? Und was passiert, wenn sie feststellt, dass ihre Erinnerung an diesen Ort mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun hat?


Sobald solche Fragen auftauchen, beginnt sich aus einer Ausgangsidee eine Geschichte zu entwickeln. Nicht, weil man nun schon jedes Kapitel planen müsste. Im Gegenteil. Entscheidend ist eher, ob die Idee weitere Türen öffnet.


Das merke ich auch in Schreibkursen. Manche Teilnehmerinnen erzählen von ihrer Buchidee – und fünf Minuten später reden wir schon über Nebenfiguren, einen alten Streit, eine unerwartete Begegnung oder eine Entscheidung, vor der die Hauptfigur irgendwann stehen wird. Die Geschichte wird größer, noch während wir darüber sprechen.


Bei anderen Ideen drehen wir uns nach kurzer Zeit im Kreis. Die Ausgangssituation ist gut, aber alles, was danach kommen könnte, bleibt erstaunlich vage. Dann lohnt es sich, genauer hinzusehen. Vielleicht fehlt noch eine Figur. Vielleicht ist der eigentliche Konflikt noch nicht klar. Vielleicht steckt in der Idee eher eine Erzählung als ein Roman. Und manchmal braucht sie schlicht noch Zeit.



Reicht meine Buchidee für einen ganzen Roman?


250 Seiten sind eine ziemlich einschüchternde Vorstellung. Deshalb würde ich am Anfang gar nicht in Seiten denken, sondern in Szenen. Welche Szene möchtest du unbedingt schreiben? Gibt es einen Moment, vor dem deine Figur Angst hat? Einen, in dem etwas passiert, das sich nicht mehr rückgängig machen lässt?


Vor allem: Sind diese Szenen wirklich unterschiedlich? Denn das ist einer meiner liebsten Tests: Fallen dir drei wirklich unterschiedliche Szenen ein?


Stell dir drei Momente aus dem geplanten Buch vor. Sie müssen noch gar nicht an der richtigen Stelle stehen. Vielleicht ist eine Szene ganz am Anfang, eine irgendwo in der Mitte und eine kurz vor Schluss. Kannst du dir die Szenen vorstellen, mit Personen, die reden, sich bewegen, etwas wollen? Verändert sich zwischen diesen Szenen etwas?

Manche Ideen bestehen nämlich zunächst vor allem aus einer Stimmung. Das ist überhaupt nichts Schlechtes, aber für einen Roman braucht es irgendwann mehr. Wenn du beim Nachdenken merkst, dass hinter der ersten schönen Szene sofort fünf weitere auftauchen, ist das ein ziemlich gutes Zeichen. Wenn du dagegen merkst, dass du im Grunde immer wieder dieselbe Szene variierst, ist wahrscheinlich noch etwas zu wenig da.


Wen interessiert das außer dir? 


Das klingt hart, ist aber die freundlichste Frage, die ich stellen kann. Nicht: Ist deine Geschichte wichtig genug? Sondern: Berührt sie etwas, bringt sie bei deinen LeserInnen etwas zum Klingen – auch wenn sie aus deinem eigenen Leben kommt? Die besten Manuskripte, die ich sehe, erzählen von einem sehr persönlichen, oft sehr kleinen Punkt aus – aber sie öffnen sich zu etwas, das viele Menschen kennen: Verlust, Scham, Sehnsucht, das Gefühl, nirgends ganz dazuzugehören. Die Idee muss nicht universell beginnen. Aber sie sollte irgendwann über das Persönliche hinausreichen.


Wie viel Handlung braucht eine Buchidee?


Eine Geschichte muss nicht spektakulär sein, um ein gutes Buch zu werden. Sie kann in einem Dorf spielen, in einer Familie, an einem einzigen Wochenende. Es braucht weder Mord noch Weltreise noch drei Generationen und ein ungeklärtes Familiengeheimnis im Dachboden. Entscheidend ist, was für die Figuren auf dem Spiel steht.


Ein Abendessen kann für eine Figur wichtiger sein als eine Reise ans andere Ende der Welt. Eine beiläufige Bemerkung kann eine Ehe verändern. Eine Rückkehr in ein altes Kinderzimmer kann mehr auslösen als jedes äußere Abenteuer.


Das ist übrigens auch der Grund, warum sehr persönliche Geschichten für andere Menschen oft so interessant sein können. Niemand muss genau dasselbe erlebt haben. Aber viele kennen das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören, eine falsche Entscheidung zu bereuen, sich nach einem anderen Leben zu sehnen. Oder festzustellen, dass man sich selbst verändert hat, während man glaubte, nur die anderen hätten sich verändert.

Die Geschichte darf also klein anfangen. Nur gleichgültig darf das, was passiert, für die Figuren nicht sein.


Wann sollte ich mit dem Schreiben anfangen?


Irgendwann hilft das ganze Nachdenken nichts mehr. Dann muss man ausprobieren, was die Idee auf dem Papier macht. Dafür würde ich nicht gleich einen ausgefeilten Plot mit vierzig Kapiteln erstellen. Schreib die ersten 20 oder 30 Seiten und schau, was passiert.


Werden die Figuren interessanter, sobald sie miteinander reden? Tauchen plötzlich Fragen auf, an die du vorher gar nicht gedacht hast? Entwickelt eine Nebenfigur ein überraschendes Eigenleben? Entsteht aus einer Szene die nächste fast von selbst?


Oder merkst du nach drei Kapiteln, dass du eigentlich schon alles erzählt hast?Auch das ist eine gute Erkenntnis. Dann waren die 30 Seiten nicht umsonst. Man hat etwas ausprobiert, eine Figur kennengelernt, eine Sprache gefunden – und meistens ziemlich genau verstanden, warum es an dieser Stelle nicht weitergeht.


Wer ein Buch, vor allem einen Roman schreiben möchte, sucht am Anfang gern nach Gewissheit. Die gibt es leider nicht. Aber es gibt etwas Besseres: Neugier auf eine Geschichte, bei der man selbst noch nicht weiß, wie sie ausgeht.


Text: Sabine Maier


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