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Schreiben im Waldviertel: Warum diese Landschaft beim Denken hilft

Aktualisiert: 15. Juni

Es gibt Landschaften, die sofort beeindrucken wollen. Berge, die sich wichtig machen. Seen, die glitzern, als hätten sie einen Vertrag mit einem Tourismusbüro. Das Waldviertel macht etwas anderes. Es steht da. Mit seinen Hügeln, Steinen, Streifenfeldern, Teichen und Wäldern. Mit Orten, die sich nicht dauernd erklären. Wer hier ankommt, merkt oft erst nach einer Weile, wie laut es vorher war. Nicht draußen, sondern im Kopf.


Und genau deshalb ist das Waldviertel ein guter Ort zum Schreiben. Nicht, weil hier automatisch bessere Sätze entstehen. Die Landschaft schreibt nicht mit. Sie beantwortet keine Mails, löst keine Dramaturgieprobleme und räumt auch nicht den Schreibtisch auf. Aber sie tut etwas, das beim Schreiben selten geworden ist: Sie unterbricht weniger.


Schreiben im Waldviertel, Aussicht auf das Schloss Ottenschlag , Ottilie, Waldviertel

Foto: Sabine Maier


Abstand ist keine Flucht


Viele Menschen glauben, man müsse nur genug Disziplin haben, dann könne man überall schreiben. Am Küchentisch. Zwischen zwei Terminen. Am Abend, wenn der Tag endlich fertig ist und man selbst leider auch.


Manchmal stimmt das sogar. Ein Satz kann überall entstehen, in der U-Bahn oder auf der Rückseite einer Rechnung. Literatur ist nicht empfindlich – sie hat schon schlechtere Orte überlebt. Aber ein Buch, ein längerer Text, eine Familiengeschichte, ein Romananfang oder ein Manuskript, das endlich wieder angesehen werden will, braucht oft mehr als eine gestohlene Stunde. Es braucht Abstand.

 

Schreiben im Waldviertel, Aussicht im Waldviertel
Foto: Sabine Maier

Abstand ist keine Flucht vor dem Alltag. Abstand ist die Möglichkeit, ihn kurz aus dem Zimmer zu bitten. Zu Hause weiß der Alltag immer, wo man wohnt. Er kennt die Lade mit den unbezahlten Rechnungen, die Waschmaschine, die Einkaufsliste, die Mail, die man seit drei Tagen beantworten sollte. Im Waldviertel verliert er wenigstens kurz die Spur.


Wer einen Schreibkurs im Waldviertel sucht, sucht daher oft mehr als ein Seminarprogramm: Es geht um Abstand, Konzentration und einen Ort, an dem ein Text wieder wichtiger werden darf als alles, was sonst dauernd dazwischenredet.




Das Waldviertel denkt nicht für dich


Das Waldviertel ist kein Zaubertrick. Wer mit einem unfertigen Text kommt, fährt nicht automatisch mit einem fertigen Buch nach Hause. Auch der Teich hebt nicht bei jeder Plot-Frage bedeutungsvoll eine Seerose.


Zum Glück. Denn Schreiben ist Arbeit. Eine schöne, eigensinnige, manchmal störrische Arbeit. Man sitzt, man streicht, man sucht nach dem richtigen Anfang und findet zuerst fünf falsche. Das Waldviertel nimmt einem diese Arbeit nicht ab. Aber es macht es leichter, bei ihr zu bleiben. Weil die Landschaft nicht ständig neue Reize nachschiebt. Weil Wege hier nicht spektakulär sein müssen, um gut zu sein. Weil ein Stück Wald, ein Feldrand oder eine Bank unter einem Baum manchmal genau das richtige Maß an Bewegung bieten: genug, damit der Kopf wieder Luft bekommt. Nicht so viel, dass er gleich wieder davonläuft.


Warum alte Häuser gute Schreiborte sind


Schreiben im Waldviertel, Ottilie, Ottenschlag
Foto: Sabine Maier

Die Ottilie in Ottenschlag ist ein altes Haus. Fünfhundert Jahre Geschichte stehen hier nicht als Dekoration herum, sondern sitzen gewissermaßen mit am Tisch. Gegenüber das Schloss, rundherum das Waldviertel und innen Räume, in denen ein Text nicht sofort wieder vom Alltag einkassiert wird.


In einem alten Haus schreibt man anders als in einem neutralen Raum mit sehr weißen Wänden. Alte Häuser tun nicht so, als beginne alles bei null. Sie wissen, dass Menschen kommen, Pläne machen, scheitern, neu anfangen und etwas hinterlassen. Das ist für Schreibende gar nicht schlecht. Wer an einem Text arbeitet, ist selten der erste Mensch, der mit etwas Unfertigem dasitzt.

Manchmal ist Schreiben genau das: freilegen, was unter der obersten Schicht liegt.



Schreibkurse im Waldviertel: Warum Ruhe allein nicht reicht


Absolute Einsamkeit schreibt kein Buch. Sonst gäbe es in jedem verlassenen Waldviertler Forsthaus mindestens drei fertige Romane im Keller. Was Schreiben braucht, ist eine Mischung aus Rückzug, Struktur, dem echten Leben vor dem Fenster und einem Gegenüber. Jemanden, der genau liest und nachfragt. Jemanden, der nicht nur sagt: „Sehr schön“, wenn es noch nicht stimmt. Sondern vielleicht: „Hier beginnt der Text eigentlich erst.“

 

Schreiben im Waldviertel, Schloss Ottenschlag im Waldviertel

In der Ottilie-Manuskript-Werkstatt bekommt genau diese Arbeit einen Rahmen: ein paar Tage Abstand vom Alltag, konzentrierte Schreibzeit und Rückmeldungen, die nicht am Text vorbeiloben, sondern ihn weiterbringen.

 

In den Schreibkursen und Werkstätten der Ottilie geht es nicht um große Versprechen, sondern um die eigentliche Arbeit am Text. Wir feilen an Anfängen, die die Leser halten, bauen Szenen, die die Geschichte tragen und suchen nach einer Sprache, die nicht nur schmückt, sondern wirklich etwas kann. Vor allem aber geht es um das Dranbleiben. Denn viele Buchprojekte scheitern nicht an der Idee. Sie scheitern daran, dass niemand einen verlässlichen Rahmen baut, in dem aus der Idee langsam ein Manuskript werden kann.


Eine kleine Schreibübung: Die fünf falschen Anfänge


Aller Anfang ist schwer? Muss nicht sein. Wenn du gerade feststeckst und den ersten Satz für dein Buch oder ein Kapitel suchst, nimm dir fünf Minuten Zeit und schreibe fünf absichtlich schlechte, langweilige oder unfassbar kitschige Anfänge auf. Lass die Berge glitzern und die Seerosen bedeutungsvoll nicken.


Und dann, wenn der Ballast auf dem Papier ist, schreib den sechsten Satz. Unaufgeregt, ohne den Versuch, sofort klug zu sein. Dieses kreative Schreiben darf leicht beginnen. Fang einfach da an, wo du gerade sitzt: Hier sitze ich und...


Der sechste Satz muss nicht perfekt sein. Er muss nur die Tür öffnen.


Und dann?


Für manche Texte reicht ein einzelner Schreibtag. Andere brauchen mehr Zeit, mehr Rückmeldung und einen verlässlichen Rahmen. Für solche Buchprojekte gibt es in der Ottilie die Masterclass „Ein Jahr für dein Buch“ – vier Wochenenden in kleiner Gruppe, mit genauer Begleitung über viele Monate und genug Struktur.


Man muss für ein Buch nicht ins Waldviertel fahren. Es gibt keine literarische Meldepflicht in Ottenschlag. Aber manchmal hilft es, den eigenen Text aus der gewohnten Umgebung herauszunehmen. Ihn auf einen Tisch zu legen, an dem nicht schon der ganze Alltag sitzt. Ihn mit hinauszunehmen in eine Landschaft, die nicht drängt, nicht schmeichelt und nicht dauernd fragt, ob man eh schon fertig ist.


Der Rest bleibt Handwerk. Und vielleicht ein bisschen Waldviertel. Denn schlechter ist noch kein Text geworden, nur weil vor dem Fenster ein Schloss und ums Eck ein Teich lag.


Schreiben im Waldviertel, Himmelteichsee im Waldviertel

Foto: Sabine Maier


Text: Sabine Maier


Die Ottilie ist ein Seminarzentrum und eine Ferienwohnung in Ottenschlag im Waldviertel – untergebracht in einem 500 Jahre alten Haus, gegründet von Journalistin und Buchautorin Sabine Maier. Zentrum: www.die-ottilie.at, Ferienwohnung: www.willkommen-ottilie.a


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